Einfach wie ein "Post-it". Intuitives Wissensmanagement mit semantischer Sprachtechnologie (10.9.2009)
Die beliebten gelben "Post-it" Sticker sind wohl eine der intuitivsten Formen des Wissensmanagements. Was wichtig ist (z.B. die neue Telefonnummer vom Chef), wird aufgeschrieben und irgendwo hingeklebt. Häufig an den Computer-Monitor. Was die Frage aufwirft: Warum hat man es nicht gleich mit Hilfe des Computers notiert? Das hätte doch eigentlich viele Vorteile: andere brauchen diese wichtige Information vielleicht auch, man kann mit dem Computer besser suchen, etc.
Schon lange gibt es auf dem Computer eine Software namens "Wiki", die angetreten war genau dies zu erreichen. In ein Wiki kann man schnell und von fast überall aus Informationen hinzufügen. Andere können diese dann lesen und ggf. aktualisieren und erweitern. Damit gleicht ein Wiki einer Sammlung von elektronischen Post-It Stickern.
Der Erfolg der Online-Enzyklopädie Wikipedia demonstriert eindrucksvoll, dass Wikis sehr erfolgreich zum Wissensmanagement eingesetzt werden können. Doch in vielen Fällen fehlen die Heerscharen von hoch-motivierten "Wikipedians", die in ihrer Freizeit mit großem Aufwand die Inhalte strukturieren und verbessern. Gerade in Unternehmen entwickeln sich Wikis oft unkontrolliert zu einem zwar reichhaltigen, aber unübersichtlichen Informations-Chaos. Damit gerät das Prinzip "Wiki" an seine Grenzen, denn schnell verliert der Einzelne den Überblick über die Fülle der Informationen. Man stelle sich seinen Monitor vor, der unter tausenden von Post-It Stickern verschwindet.
Mitarbeiter der Arbeitsgruppe "Ubiquitous Knowledge Processing" (UKP Lab) der TU Darmstadt erforschen derzeit unter Leitung von Prof. Dr. Iryna Gurevych wie man Ordnung in dieses Chaos bringen kann. Das ist notwendig, da Wikis sich innerhalb der letzten Jahre auch im Unternehmensumfeld zu einem wichtigen Werkzeug entwickelt haben. In Wikis soll all das Wissen gesammelt werden, welches durch starr formalisierte Prozesse sonst nicht erfasst werden kann. Doch die große Herausforderung ist es die Benutzungshürden niedrig zu halten. Wikis sollen weiterhin schnell und einfach zu benutzen sein. Das UKP Lab versucht dieses Problem mit einer intelligenten Software basierend auf semantischer Sprachtechnologie zu lösen. Dadurch soll die Interaktion von Mensch und Maschine einfacher und intuitiver werden.
Projektkoordinator Torsten Zesch erklärt das mit einem Beispiel: "Ein großes Problem ist, wenn Informationen mehrfach hinzugefügt werden. Dabei kommt es dann oft zu Widersprüchen, z.B. wenn eine neue Telefonnummer vom Chef eingetragen wird ohne die alte zu löschen. Für alle Benutzer des Wikis ist es dann schwierig zu entscheiden, welche davon korrekt ist. Ein Benutzer will aber nicht erst Tausende andere Post-it Sticker lesen müssen, ob die Information irgendwo schon steht. Der Benutzer will es aufschreiben. Jetzt. Sofort. Und dann weiterarbeiten. Deshalb benutzt unsere intelligente Software semantische Sprachtechnologie, um automatisch alle Texte im Wiki zu analysieren. Die Software kann so feststellen, ob es bereits einen ähnlichen Eintrag gibt. Der Nutzer wird dann gewarnt und kann stattdessen den bereits vorhandenen Eintrag ergänzen."
Die intelligente Software unterstützt den Benutzer auch noch bei weiteren zeitraubenden Tätigkeiten wie z.B. dem Anlegen von Links, dem Vergeben von Tags oder der Restrukturierung des Wikis. Dadurch wird es dem Benutzer weiterhin möglich sein, das Wiki als schnellen Wissensspeicher (ähnlich den Post-It Stickern) zu benutzen. Alle zeitraubenden und schwierigen Tätigkeiten werden von der intelligenten Nutzerschnittstelle vorbereitet und unterstützt. Dadurch verringert sich der benötigte mentale Aufwand zur Verwaltung der Daten im Wiki.
In gewisser Weise organisiert sich das Wiki dadurch selbst, weshalb das von der Klaus-Tschira-Stiftung geförderte Forschungsprojekt den Namen "Wikulu - Selbstorganisierende Wikis" trägt. Der Name "Wikulu" setzt sich dabei aus den hawaiischen Wörtern "wiki -- schnell" und "kukulu -- organisieren" zusammen. Wikulu integriert sich nahtlos in gängige Unternehmenswikis wie etwa MediaWiki, TWiki oder Confluence. Bestehende Wiki-Systeme müssen dabei nicht ersetzt, aondern werden einfach mit den intelligenten Fähigkeiten erweitert.
Prof. Dr. Iryna Gurevych ist Leiterin der Forschungsgruppe "Ubiquitous Knowledge Processing" (UKP Lab) am Fachbereich Informatik der TU Darmstadt. Die Arbeitsgruppe forscht seit mehreren Jahren führend im Bereich der Verbindung von Sprachtechnologie mit Wikis. Die vom UKP Lab entwickelten Softwarepakete zum Zugriff und zur Analyse von Wikis (JWPL und JWKTL) werden weltweit von Forschungsgruppen in der wissenschaftlichen Arbeit eingesetzt. Die in Wikulu integrierten Methoden der Sprachtechnologie sind Teil der Softwaresammlung DKPro - "Darmstadt Knowledge Processing Software Repository" basierend auf IBM's offener Plattform "Unstructured Information Management Architecture" (UIMA).
Weitere Informationen:
www.ukp.tu-darmstadt.de
www.ukp.tu-darmstadt.de/projects/wikulu/